2014-04-16: HIV-Positiver bei Domian - schlecht beraten!

foto: fmatte | photocase.deIn der Nacht von Freitag auf Samstag berichtete ein junger Mann, der sich Daniel nannte, in der Talk-Sendung Domian, er habe sich beim ungeschützten Sex mit einem Kölner Prominenten mit HIV infiziert. „AIDS-Attacke nach Kölner Top-Model-Party“ titelte daraufhin der Kölner Express, Focus online sprach von einem „Aids-Vorwurf“. Auch bild.de und andere Medien schrieben über den Anruf.

In der Sendung erzählte der 19-jährige, er habe den Prominenten vor vier Jahren beim Finale von „Germanys Next Topmodel“ kennengelernt. Im Sommer 2013 sei es zum ersten Mal zu ungeschütztem Sex gekommen. Er sei sehr betrunken gewesen und habe gedacht: „Er ist so bekannt und so gebildet, da kannst du drauf verzichten.“ Und fügte hinzu: „Das war das Idiotischste, was ich in meinem Leben jemals getan habe.“ Danach habe er noch vier weitere Male ungeschützten Sex mit dem Prominenten gehabt.

Der junge Mann wirkte während des Gespräches unsicher und bedrückt und erzählte Domian von schweren Schuldgefühlen. „Das ist eben das Problem, weswegen ich auch mit dir telefoniere: Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin unheimlich wütend, ich bin unheimlich traurig, aber ich weiß nicht, wie ich handeln soll.“

Strafrechtliche Sanktionen helfen nicht, Schuldgefühle und Unsicherheiten aufzulösen

In diesem Kontext wäre professionelle psychologische Unterstützung oder ein moderiertes Gespräch zwischen den Beteiligten hilfreich, um sich mit dem Geschehen erfolgreich auseinandersetzen zu können, Verantwortung zu klären und eigene Schuldgefühle zu verarbeiten. Auch wenn es zunächst nachvollziehbar scheint, Strafanzeige zu stellen, damit der „Verursacher“ bestraft wird, so ist dies jedoch der falsche Weg, Verletzungen und Ängste zu verarbeiten, die eine HIV-Infektion mit sich bringt. Strafprozesse können nicht nur sehr belastend sein, auch die einseitige „Beschuldigung des Täters“ hindert die Betroffenen daran, sich konstruktiv mit der Verantwortung ALLER Beteiligten auseinanderzusetzen.

Und was bleibt perspektivisch bei der derzeit bestehenden Rechtsprechung? Opfer werden zu Tätern! Solange es wie derzeit Praxis in der Rechtsprechung ist, die Exposition oder Übertragung von HIV als kriminellen Akt zu bewerten, steht dies kontraproduktiv einer guten HIV-Prävention entgegen. Die Täter-Opfer-Logik des Strafrechts passt nicht zu sexuellen Begegnungen. Sie deutet eine Situation zu einer einseitigen Handlung von HIV-Positiven um, die Verantwortung der Partnerin oder des Partners wird ignoriert. Diese bürdet Menschen mit HIV die alleinige Verantwortung auf und schadet zugleich der HIV-Prävention. HIV-Übertragungen werden so nicht verhindert, sondern begünstigt.

Für den Schutz vor einer HIV-Übertragung sind jedoch alle Beteiligten verantwortlich. Nicht die HIV-Infektion an sich führt zur Übertragung, sondern sexuelle Handlungen, die (mindestens) zwei Menschen gemeinsam vollziehen. Dabei sind alle voll für ihr Handeln und damit für den Schutz vor einer HIV-Übertragung verantwortlich. Natürlich richten die Aidshilfen ihre Prävention darauf aus, dass Menschen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Bei einvernehmlichem Sex hat keiner der Partnerinnen und Partner eine höhere Verantwortung als die oder der andere. Verantwortung ist nicht teilbar.

Die Strafandrohung ist in keinem Fall hilfreich. Ganz im Gegenteil: Sie steigert die Angst, über HIV und Schutz zu reden und sich damit möglicherweise als HIV-positiv zu offenbaren. Je größer der Druck auf Menschen mit HIV, desto größer die Angst vor Ablehnung.

Da nur verurteilt werden kann, wer von seinem HIV-Status weiß, kann die Kriminalisierung Menschen vom HIV-Test abhalten. HIV-Übertragungen werden unter anderem jedoch nur dann wirkungsvoll verhindert, wenn möglichst viele Menschen von ihrer Infektion wissen und sich rechtzeitig behandeln lassen. Mit einer gut wirksamen Therapie schützen sie auch ihre Partnerinnen und Partner vor einer HIV-Übertragung. Was wir brauchen, ist ein offenes Klima, in dem HIV, Sexualität, und Rausch keine Tabus sind. Wer sich gegen Diskriminierung einsetzt, unterstützt damit auch die HIV-Prävention. Gefragt sind hier Justiz, Politik, Medien und die gesamte Gesellschaft.

Wir plädieren zugleich für eine deutliche Unterscheidung zwischen moralischen und juristischen Fragen. Psychische Verletzungen und gesundheitliche Schäden, die durch das Verschweigen einer HIV-Infektion und eine eventuelle Übertragung des Virus entstehen, dürfen nicht bagatellisiert werden. Diese erfordern aber andere Formen der Bearbeitung als juristische Sanktionen.

Verantwortung der Medien

Auch die Berichterstattung in diesem Fall ist falsch und spiegelt einen Gesinnungsjournalismus wider, der unverantwortlich mit dem Thema umgeht. Mit Schlagzeilen wie „AIDS-Attacke“ des Kölner EXPRESS wird zum einen die HIV-Infektion mit der Aidserkrankung gleichgesetzt und das Bild des „amoklaufenden HIV-Positiven“ hochgehalten, der andere infizieren will

Der EXPRESS hat die Überschrift mittlerweile geändert. Sie lautet jetzt: „HIV-Infektion nach Kölner Top-Model-Party?“ „Falsch bleibt allerdings auch die Einschätzung des EXPRESS, dem Prominenten drohe möglicherweise eine lebenslängliche Haftstrafe wegen „Totschlags“. Auch dahinter verbirgt sich die veraltete Vorstellung, HIV sei eine rasch tödlich verlaufende Infektion“, so Silke Klumb, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen AIDS-Hilfe 

Diese verzerrende und tendenziöse Berichterstattung dient lediglich der Sensationslüsternheit und schürt die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit HIV und Aids.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter:

aidshilfe.de

posithivhandeln.de

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