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Schutz durch Therapie

Menschen mit HIV sind unter gut verlaufender antiretroviraler Therapie nicht mehr infektiös und können HIV beim Sex nicht übertragen bzw. der Partner oder die Partnerin kan sich nicht mit HIV infizieren. Man kann also sagen, dass Sex ohne Kondom in diesem Fall auch sicher ist.

Vielleicht verfolgen Sie die Gerichtsverfahren gegen Menschen mit HIV, die andere angeblich bewusst infiziert oder auch nur die Möglichkeit einer Infektion zugelassen haben. Die Schutzwirkung einer gut verlaufenden HIV-Therapie ist dabei zunehmend ausschlaggebend, die Beklagten freizusprechen. Wir vertreten, dass der Staatsanwalt sich grundsätzlich nicht einzumischen hat, wenn Erwachsene einvernehmlich Sex haben. Strafrechtliche Verfolgungen laufen einer wirkungsvollen HIV-Prävention absolut zuwider.

Die antiretroviralen Therapien verbessern die Lebensqualität der Menschen mit HIV und verlängern ihre Lebensdauer. Die Schutzwirkung einer erfolgreichen Therapie darf aber nicht dazu führen, Menschen gegen ihren Willen und ohne medizinische Notwendigkeit vorzeitig zu einer Therapie zu überreden, um mögliche Ansteckungen zu verhindern. Dafür stehen allen andere Präventionsmöglichkeiten zur Verfügung.

Andernorts groß angelegte Testscreenings machen in Deutschland keinen Sinn. Einerseits wird der überwiegende Teil (72%) der Neudiagnosen bei schwulen Männern festgestellt, andererseits wurden in den letzten Jahren hohe Standards für die Beratung vor und nach einem HIV-Test entwickelt, die eine fundierte Entscheidung für oder gegen einen Test und individuell passende Präventionsstrategien ermöglichen.

Staatlich verordneter Schutz hilft nicht, freiwilliger Schutz ist dagegen nachhaltig. Die deutsche HIV-Prävention ist im europäischen Vergleich so erfolgreich, weil sie auf Beteiligung und fundierte Informationen setzt. Auch ohne staatlichen und medizinischen Druck sind knapp Dreiviertel der Menschen mit HIV in Therapie. Diese hohe Zahl antiretroviraler Therapien wird mittel- bis langfristig einen epidemiologischen Effekt erzielen, ganz ohne Massenscreenings. Die Aidshilfe NRW geht davon aus, dass die Zahl der Neuinfektionen auch in den kommenden Jahren weiter stagniert.

Die wenigsten Menschen möchten ihr Leben lang Kondome benutzen. Dass unter Therapie HIV nicht mehr übertragbar ist, eröffnet zudem vielen Paaren die Möglichkeit zu einem freieren Sexualleben – bis hin zur Zeugung von Kindern. Das Restrisiko ist so gering, dass es vernachlässigt werden kann – wenn alle Beteiligten sich wohl mit der gemeinsamen Entscheidung fühlen. Auch in anderen Bereichen des Lebens, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Sport, akzeptieren wir alle Restrisiken. Die Entscheidung über den Umgang mit diesen Risiken muss jeder Mensch selbst treffen. Dabei ist nichts so wichtig wie solide Informationen. Nur wer gut Bescheid weiß, kann eine aufgeklärte und selbstbestimmte Entscheidung treffen.

Wir beantworten hier einige Fragen zum Thema Schutz durch Therapie. Weiterführende Informationen zum Thema finden Sie unter aidshilfe.de.

Die Pressemappe zur Jahrespressekonferenz 2012 der Aidshilfe NRW "Schützen Medikamente vor HIV?" finden Sie hier.

Wie funktioniert der Schutz durch die HIV-Medikamente? 

Die HIV-Medikamente verhindern im Körper eines HIV-positiven Menschen die Vermehrung des Virus. Nach einiger Zeit ist bei einer gut wirksamen Therapie im Blut kein HIV mehr nachweisbar. Man spricht dann von einer „Viruslast unter der Nachweisgrenze“. Kurz darauf sind dann auch in Sperma,  der Scheidenflüssigkeit, in anderen Körperflüssigkeiten und in den Schleimhäuten keine oder nur noch sehr wenige HI-Viren nachweisbar. Eine Übertragung von HIV auf Sex-Partnerinnen und -Partner ist dann extrem unwahrscheinlich.

Wie sicher ist der Schutz durch Medikamente und wie groß ist das Restrisiko?

Studien haben ergeben, dass eine gut wirksame HIV-Therapie mindestens genauso zuverlässig vor der Übertragung von HIV schützt wie Kondome. In diesem Fall ist also auch Sex ohne Kondom Safer Sex. Absolute Sicherheit gibt es in beiden Fällen nicht, denn auch beim Kondomgebrauch kann etwas schief gehen. Aber beide Methoden haben eine sehr hohe Schutzwirkung.

Das Restrisiko ist schwer zu beziffern, auf jeden Fall aber sehr gering. Weltweit ist bisher nur ein Fall wissenschaftlich dokumentiert, in dem HIV trotz wirksamer Therapie übertragen wurde.

Welche Vorraussetzungen müssen erfüllt sein?

Die Viruslast muss seit mindestens seit einem halben Jahr unter der Nachweisgrenze liegen und der oder die HIV-Positive muss die Medikamente regelmäßig einnehmen. Ob die Bedingungen erfüllt sind, muss alle drei Monate durch Bluttests in einer auf HIV spezialisierten Praxis oder Ambulanz überprüft werden.

Die Wirksamkeit der Therapien kann nachlassen, wenn die Medikamente nicht regelmäßig genommen werden. Dies kann auch aus anderen Gründne der Fall sein. Deswegen sind regelmäßige Kontrollen der Viruslast wichtig, in der Regel einmal pro Quartal.

Erhöhen andere sexuell übertragbare Infektionen das Risiko eine HIV-Infektion?

Oft ist zu hören, dass Schutz durch Therapie nur dann funktioniere, wenn keine anderen sexuell übertragbare Infektion vorlägen. Davon sind Experten auch lange ausgegangen. Generell erhöhen sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien das Risiko der HIV-Übertragung erheblich.

Mittlerweile zeichnet sich in Studien aber immer mehr ab, dass dies angesichts einer gut wirksamen HIV-Therapie nur wenig Einfluss auf das Übertragungsrisiko hat. Das Restrisiko erhöht sich nur minimal.

Besteht eine erhöhtes Infektions-Risiko mit HIV, wenn der oder die HIV-Negative eine andere sexuell übertragbare Infektion hat?

Prinzipiell stimmt das. Die Infektionswahrscheinlichkeit steigt dann erheblich. Relevant ist dies, wenn Sex mit einer Person stattfindet, deren Körperflüssigkeiten infektiös sind, also eine hohe Menge an HI-Viren enthalten. Bei einem Partner mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze ist die höhere Anfälligkeit kaum von Bedeutung.

Was ist, wenn der oder die HIV-Positive die Medikamente manchmal zu spät einnimmt oder einmal vergisst?

Die Einnahme muss nicht minutengenau erfolgen, sondern verträgt durchaus gewisse Abweichungen vom Zeitplan. Wenn einzelne Einnahmen verzögert erfolgen oder vergessen werden, gefährdet das nicht gleich den Therapieerfolg und es entsteht auch kein höheres Übertragungsrisiko. Vergisst man die Einnahme aber häufiger, kann die Viruslast wieder steigen – und damit das Übertragungsrisiko. Im Zweifel sollte man darüber mit dem behandelnden Arzt sprechen.

Kann ich mich wirklich sicher fühlen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind?

Das Entscheidende ist hier, zu wissen, ob die Voraussetzungen erfüllt sind. HIV-Positive Menschen können diese Fragen gemeinsam mit ihrem Arzt klären. HIV-Negative und Ungetestete müssen darüber mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin reden und sind darauf angewiesen zu vertrauen. Ob ein entsprechendes Vertrauensverhältnis besteht, muss jeder Mensch im Einzelfall für sich entscheiden. Bei flüchtigen sexuellen Begegnungen ist das sicher meist schwierig, bei engeren Bindungen ist es eher möglich.

Wir empfehlen, bei Unsicherheiten Kondome zu verwenden. Auf das Kondom verzichten sollten Paare nur, wenn beide gut informiert sind und sich mit der gemeinsamen Entscheidung wohl fühlen.

Wäre es nicht besser, zusätzlich zur Therapie auch noch Kondome zum Schutz vor HIV zu verwenden?

Die wenigsten Menschen möchten ihr Leben lang Kondome benutzen. Dass unter Therapie HIV nicht mehr übertragbar ist, eröffnet vielen Paaren die Möglichkeit zu einem freieren Sexualleben – bis hin zur Zeugung von Kindern. Das Restrisiko ist so gering, dass es vernachlässigt werden kann – wenn alle Beteiligten sich wohl mit der gemeinsamen Entscheidung fühlen.

Auch in anderen Bereichen des Lebens, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Sport, akzeptieren wir alle Restrisiken. Die Entscheidung über den Umgang mit diesen Risiken muss jeder Mensch selbst treffen. – Außerdem wird die Viruslastmethode bereits diskutiert und teilweise auch angewendet.

Was spricht noch dafür, weiterhin Kondome zu verwenden?

Bei wechselnden Sexpartnerinnen und Sexpartnern helfen Kondome, das Risiko anderer sexuell übertragbarerer Infektionen (z.B. Syphilis, Tripper und Chlamydien) zu verringern. Diese Infektionen können wiederum dazu führen, dass man sich leichter mit HIV infiziert. Dieses Risiko besteht dann aber nicht beim Sex mit HIV-Positiven, deren Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt. Deren Körperflüssigkeiten sind schließlich nicht infektiös. Relevant ist es vor allem beim Sex mit anderen Partnerinnen und Partnern, deren HIV-Status man nicht kennt. Bei nicht behandelten HIV-Positiven kann die Viruslast durch andere Infektionen erheblich steigen.